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Berichte von Auswärtigen

Vättis - das Bergdorf im Taminatal hat viel Vergangenheit

Text: Susi Senti (Der Artikel erschien in der August-Nummer 2005 der Zeitschrift "Die Region")

Dort, wo die Tamina aus dem Calfeisental durchbricht, den aus dem Kunkelstal fliessenden Görbsbach aufnimmt und sich gen Norden wendet, liegt das Bergdorf Vättis, 14 Kilometer von Bad Ragaz entfernt, auf 943 Meter Höhe. Politisch gehört Vättis zur Gemeinde Pfäfers. Mit seinen 460 Einwohnern, zahlreichen Vereinen und einer starken Ortsgemeinde ist es aber ein intaktes, selbstbewusstes Dorf, das seinen Gästen vieles zu bieten hat.

Von einem reinen Bauerndorf kann eigentlich nicht die Rede sein, denn es sind gerade noch sieben Familien, die sich vollberuflich der Landwirtschaft widmen. Wald- und Holzwirtschaft bilden neben dem Tourismus weitere Erwerbszweige. "Viele Einwohner pendeln zur Arbeit hinaus ins Tal. Sie wollen aber ihren Kindern und sich selber einen Lebensraum der Ruhe erhalten und bleiben deshalb wohnhaft in Vättis", sagt zum Beispiel Sonja Sprecher, Wirtin im Hotel "Tamina". "Wir haben ja täglich elf Postautokurse nach Bad Ragaz", fährt sie fort. Da sei man nicht einmal auf das Auto angewiesen. Ruhe und Erholung, das suchen denn auch viele Feriengäste, die in einem der beiden Gasthöfe "Tamina" oder "Calanda" einkehren oder eine Ferienwohnung mieten. Weil Vättis den Talabschluss bildet und somit nicht an einer Durchgangsstrasse liegt, hält sich der motorisierte Verkehr in Grenzen.

Das Ortsmuseum

Jahrhunderte früher bildeten der Kunkelspass und das Taminatal eine wichtige Verkehrsroute. Ueber diese Strecke zogen die Römer nach Norden, um dem ungebändigten Rhein auszuweichen. Doch auch aus prähistorischen Zeiten gibt es Spuren. Diesen ist der Vättner Oberlehrer Theophil Nigg im Drachenloch nachgegangen. 1917 entdeckte er in dieser auf 2427 Meter Höhe über Vättis gelegenen Höhle erste Funde von Höhlenbären. Zusammen mit dem St.Galler Wissenschafter Emil Bächler ging Nigg auch den Spuren des Höhlenmenschen nach und entdeckte Feuerstellen, Knochen- und Steinwerkzeuge sowie künstliche Schädel-Lagerungen. Später setzte sein Sohn, der Zeichenlehrer Toni Nigg, die Forschungen fort und veröffentlichte die Höhlentagebücher seines Vaters, in welchen die mühsamen Grabungsarbeiten in luftiger Höhe beschrieben sind. Toni Nigg, er starb im Jahr 2000, war massgebend an der Gestaltung des Ortsmuseums beteiligt. 1982 erhielt er den Kulturpreis der Sarganserländischen Talgemeinschaft und wurde Ehrenbürger von Vättis. Die Erforschung des Drachenlochs ist nun im schmucken Ortsmuseum dokumentiert. Ausserdem befinden sich hier zahlreiche Knochenfunde aus dem alpinen Paläolithikum, welche auf die Anwesenheit von Menschen und Höhlenbären im Drachenloch hinweisen. "Ob gleichzeitig oder zeitlich verschoben, ist nicht bewiesen", erklärt Doris Wobmann. Sie ist zuständig für den Betrieb des Ortsmuseums, welches sie auf Anmeldung hin öffnet und dort auch sachkundig Führungen macht.

Ein Dorfrundgang

Zurück auf einen Dorfrundgang in der heutigen Zeit: Da gibt es noch zwei Lebensmittelgeschäfte, dann eine Tankstelle mit günstigem Benzinpreis, eine Post und sogar eine Arztpraxis. Diese befindet sich im Mehrzweckgebäude und wird zweimal wöchentlich vom Bad Ragazer Arzt Dr. Reto Laetsch geführt. Die Alpine Schule Vättis ist ein Internat für Real- und Sekundarschüler, welche besondere Betreuung benötigen. Etwas Spezielles ist die Werkstatt für bibliophile Drucke und Bücher in handwerklicher Tradition. Stephan Burkhardt und Hans-Ulrich Frey nennen ihren sehenswerten Betrieb "Offizin Parnassia Vättis". Vor fünf Jahren haben sie sich hier für Handsatz in Blei, Buchdruck auf der Handpresse und Einblattdrucke eingerichtet. Ihr Beruf bildet heute eine derartige Seltenheit, dass die Kundschaft aus einem internationalen Umfeld mit Aufträgen nach Vättis gelangt. "Aber wir sind kein Museum", betonen Burkhardt und Frey. "Bei uns wird mit diesen historischen Geräten und Maschinen produziert wie einst."

Die Wanderwege

Und in der Freizeit? Höchste Zeit, dass wir von der herrlichen Natur rund um Vättis reden. Die Wanderwege sind alle gut markiert. Wer es hochalpin liebt, der wird zu einer bewarteten SAC-Hütte streben, der Sardonahütte im Calfeisental oder der Ringelspitzhütte oberhalb der Grossalp. Von dort aus geht es mit Seil und Pickel auf die Dreitausender Piz Sardona und Ringelspitz. Bergwanderer finden im Calfeisental so manchen kleinen See und Passübergang. Besonders jetzt, zur Alpsommerzeit, wird man bei den Alphütten gerne einen Halt machen und mit dem Senn und Hirt eine Plauderei beginnen. Man freut sich an der Alpenflora mit Feuerlilien, Türkenbund, Frauenschuh und andern geschützten Pflanzen. Wer lieber einen gemütlichen Spaziergang machen möchte, wo man selbst den Nachwuchs im Kinderwagen mitnehmen kann, der schlägt den nur leicht ansteigenden Weg Richtung Kunkelspass ein. Das breite grüne Tal ist von Lärchen, Buchen und Ahorn eingesäumt, da und dort ist ein Maiensässhüttli zum bescheidenen Feriendomizil umfunktioniert worden, und überall umfängt einen die stille Natur. Es gibt eine Feuerstelle fürs Picknick. Die beiden Bergrestaurants "Eggwald" und "Ueberruf" nehmen müde Wandersleute auf und versorgen sie mit Speis und Trank. Dass man jetzt gerade die Kantonsgrenze vom St.Gallischen nach Graubünden überschritten hat, bemerkt man höchstens beim Kartenstudium. Wieder zurück auf dem Weg nach Vättis, fühlt man sich einfach im Gleichgewicht mit der Seele und glücklich über diese Landschaft, die so viel Harmonie ausstrahlt. Kasten

Vättis feiert gerne

In Vättis gibt es im Sommerhalbjahr fast zu wenig Wochenenden, um alle Feierlichkeiten über die Bühne bringen zu können. Das ganze Dorf hält zusammen und hilft jeweils beim Organisieren mit, wenn ein Verein zum Fest einlädt. Im August steht nach der Bundesfeier am 6. August die Country- und Rösseler-Night auf der Hüttenwiese auf dem Programm. Am 7. August findet der Vättnerberg-Gottesdienst statt, am 15. August ist Feiertag Fest Maria Himmelfahrt und am 19. August veranstaltet der Turnverein das 7. Vättner Dorfturnier.

[Achtung: Datums betreffen 2005, bitte siehe Aktuell.]

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