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Calfeisental

 

Stille Orte

Eine Reportage aus der "Schweizer Familie"
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Augenweide: Die Alphütte auf der Alp Sardona ist ein Gasthaus mit unverstelltem Alpenblick.
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Einst hausten hier Riesen, heisst es. Wilde Gesellen mit Bärenkräften, die stets dann den Herren von Vaz oder Sax zu Diensten waren, wenn Feinde drohten. In solchen Zeiten kamen sie aus dem Calfeisental, rissen Tannen samt Wurzeln aus und schwangen sie den heranrückenden Angreifern derart um die Ohren, dass die Nadeln nur so flogen. Sagt man. Und auch, dass einst einer von ihnen eines Vergehens wegen aufs Schloss Sargans zitiert wurde, was ihm jedoch ganz und gar nicht passte. Er hob kurzerhand das Schlosstor aus den Angeln, verdrehte dabei einen der Eisenhaken, an denen es hing, und noch heute kann man den malträtierten Haken bestaunen. Ebenso den Mühlstein, den der Riese in Vättis deponierte, nachdem er ihn auf seinem Heimweg in Mels entwendet und auf dem Rücken in den Ort eingangs seines heimatlichen Calfeisentals getragen hatte.
 
Entzauberte Mythen
Ein wildes Tal, dieses Nebental des Taminatals, felsig, schrundig, rau und gefasst von steilen, von Wald bedeckten Flanken. Das richtige Tal für Riesen! Wer sonst hätte denn hier siedeln wollen? Wo der Ringelspitz sich 3247 Meter zum Himmel streckt und dem Tal während vier Monaten in der Sonne steht? Wo es einst kaum Verbindungswege zu andern Tälern und Orten gab? Und doch liessen sich in diesem zwar malerischen, aber unwirtlichen Calfeisental bereits Anfang des 14. Jahrhunderts aus dem Oberwallis eingewanderte Walser nieder. Bestiessen die Alpen mit ihrem Vieh. Rodeten Wälder. Führten ein zwar freies, aber ungemein hartes, karges Leben, standig bedroht von Lawinen und Felsstürzen. Die meisten verliessen das Tal wieder und suchten ihr Gluck und Heil in weit weniger rauen Gegenden.
Keine Frage, das Calfeisental ist eine Gegend fur Riesen. Und ganz hinten, dort wo der Piz Sardona und die ihn umgebenden Berge dem Tal einen Riegel schieben, liegt die Alp Sardona am Fuss der geschwungenen Bergkette und nimmt sich aus wie eine naturliche Arena. Fur Riesen. Hier mogen sie gerungen und geschwungen, gewutet und getobt haben, und ihre Schreie, Seufzer und Juchzer hallen noch immer in den Ritzen der steilen Felswande nach.
Heute bevolkern keine Riesen das Tal, heute trifft man in diesem rauen, von der Tamina in den Fels gegrabenen Gebirgseinschnitt hauptsachlich Wanderer und ab und an Mountainbiker, drahtige Gestalten von meist eher kleinem Wuchs mit verkniffenen Gesichtern und verspiegelten Sonnenglasern.
Heute ist das Mythische langst von der Wissenschaft entzaubert. Knochenfunde machten klar, dass die Riesen einfach gross gewachsene Bergler waren, und die Sardona-Arena ist kein Giganten-Spielplatz, sondern Teil der Tektonikarena Sardona und von der Unesco als Welterbe gelistet. Dies ist ubrigens der Glarner Hauptuberschiebung geschuldet, wahrend der einst jungeres Flyschgestein sich nicht uber, sondern unter 250 Millionen Jahre altes Verrucanogestein geschoben hat . ein Phanomen von geologischer Bedeutsamkeit. Tektonisch nicht so Versierte . beispielsweise ich . halten sich weniger an die Geologie, sondern vielmehr an das kalte Plattli oder den sauren Most, der vor der Alphutte Sardona mit viel Charme und Freundlichkeit serviert wird, wundern sich dabei etwas ob der markanten Kerbe, die sich rund um den Piz Sardona zieht, erfreuen sich aber hauptsachlich an der eindrucklichen Gebirgslandschaft und lauschen dem Murmeln der noch jungen Tamina.
 
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Geschichte am Wegrand
Die Wiesen rund um die Alphutte sind saftig grun, und vom Sardonagletscher, der einst die Mulde bedeckte, ist nicht mehr viel zu sehen . eine Eiskappe, mehr nicht. So soll es ja sein, eigentlich, denn wie man sich in der Gegend erzahlt, war dies hier einst die schonste Alp weitum, bewirtschaftet von einem uberheblichen, wohlbestallten Senn, der, um seiner Geliebten zu gefallen, seine Mutter verstiess. Diese belegte in der Folge Sohn und Alp mit einem Fluch, auf dass Schnee und Eis die fruchtbaren Wiesen bedecke.
Auch dieser Mythos hat der Neuzeit so wenig standgehalten wie das Eis des Sardonagletschers, was blieb, sind Erinnerungen und ein kummerlicher Rest des geschichtstrachtigen Eises.
Wahrend in der Ferne Bergganger von der Sardona-Hutte absteigen, lassen sich einige durstige Wanderer an den Holztischen nieder. Es ist ordentlich warm, gewiss gegen sechs-, siebenundzwanzig Grad, aber das fuhlt sich im Vergleich zur Glutofenhitze uber dem Mittelland geradezu angenehm an. Und egal, auf welcher Seite der Tamina man nach St. Martin zurückkehrt, man wandert einen grossen Teil im Schatten des Waldes. Ausser man nimmt den Weg über Unter- und Obersäss und die Malanseralp – in diesem Fall wandert man zwar über wunderbare Hochmoore und Weidelandschaft, aber man dürfte ganz ordentlich ins Schwitzen kommen. Ich lass es für einmal bleiben und nehme den Forstweg über den Brennboden, stets entlang der Tamina, unentwegt begleitet vom Rauschen des unruhig sich in seinem felsigen Bett herumwälzenden Flusses.
Immer mal wieder stehen am Wegrand Tafeln, die über die Besiedelung des Tales, die Herkunft der Walser und den Bau ihrer Häuser informieren und auch vom schmucken, 1312 erbauten Kirchlein des Weilers St. Martin erzählen.
Ein putziger Weiler, dieses St. Martin, mit schöner Aussicht auf die Tamina und den türkisfarbenen Gigerwaldsee. Viel ist da allerdings nicht, ein einladendes Hotel mit Restaurant, einige museale Walserhäuser, die als Unterkunft der Hotelgäste dienen, zwei Fasszimmer, ein Mühlrad, viele Blumen. Vorab an Wochenenden ist das Restaurant gut besucht, auch wenn die schmale Strasse entlang des Stausees für Autos nur zu gewissen Zeiten freigegeben wird und das Postauto von Vättis bereits auf der Staumauer wendet. Unverständlich, denn St. Martin ist in erster Linie Ausgangsort diverser Wanderungen durch das Tal und auf die nahen Alpen. Der Rückweg von Sardona nach St. Martin ist bequem zu gehen und lässt zwischen den Bäumen immer wieder Tiefblicke auf die schäumende Tamina zu, gewährt Ausblicke auf die gegenüberliegende Talseite, auf die Hintere Ebni, auf die Schräa-Alp und die auf einem Plateau thronende Hütte, auf den dichten Tufwald und auf die steilen Felshänge des Ringelspitzmassivs, von der immer wieder Wasser spektakulär in die Tiefe fällt.
 
Wasserfälle und Blütenpracht
Es ist ein wildes Tal, dieses Tal im aussersten Suden des Kantons St. Gallen, aber eines, das die Mühen seiner Begehung mit intakter Natur, urtümlicher Landschaft und vielen Eindrücken belohnt. Mit etwas Glück kann man in den Felsen über der Alp Sardona Steinböcke entdecken, auf der Alpwiese darunter wuseln und pfeifen Murmeltiere, und vor einigen Jahren ausgesetzte Bartgeier kreisen bisweilen über der Gegend.
An diesem Tag kreist allerdings nichts, dafür ist die Temperatur zu hoch und die Thermik zu ungünstig. Zudem hält der Wald nahe St. Martin das Tal bedeckt, die Bäume verstellen Berg- und Flusssicht, da halte ich mich eben ans Nahe. Und stelle fest: Der Weg- und Waldrand leuchtet in vielen Farben, Blumen aller Arten stehen in Blüte und setzen fröhliche Akzente ins Grün der Gräser. Bienen summen und umschwirren die Blüten in grosser Zahl, Sommervögel gaukeln an den Wegrändern und über den Blumen, und verschiedenste Insekten lassen sich auf Blüten und Blättern nieder. Es ist viel Betrieb an den Wegrändern im Calfeisental, im Tal der Riesen feiern die Kleinen ihr Sommerfest, und die Tamina spielt die Musik dazu.
 
URTÜMLICH UND WILD – DAS CALFEISENTAL
Das von der Tamina durchflossene Calfeisental liegt auf Gemeindegebiet von Pfäfers im äussersten Süden des Kantons St. Gallen. Es ist ein bei Vättis abzweigendes Nebental des Taminatals, führt westwärts durch den Gigerwald, entlang des Gigerwaldsees zum Weiler St. Martin und weiter bis zur Alp Sardona. Das bereits im 14. Jahrhundert von Walsern besiedelte Tal ist seit 1652 nicht mehr ganzjährig bewohnt. Heute ist es Teil der Tektonikarena Sardona und Unesco-Welterbe.
 
ANREISE
Mit dem Postauto von Bad Ragaz via Vättis bis zur Staumauer, dann zu Fuss den See entlang. Einfacher geht es mit dem Auto, doch für die enge Seestrasse gilt eine Einbahnregelung im Halbstundentakt.
 
EINKEHREN
Vor der Staumauer lädt das Berggasthaus Gigerwald mit seiner grossen Terrasse zum Verweilen ein, in St. Martin das Hotel und Restaurant St. Martin, und auf der Alp Sardona kann man von der Alphütte aus die eindrückliche Sicht auf die monumentale Gebirgskette geniessen.
 
WEITERE AUSKÜNFTE
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www.sanktmartin.info
www.vaettis.ch
www.pfaefers.ch/de/tourismus
www.myswitzerland.com
 
STILLE ORTE – DIE BÜCHER
calfeisen_8 Zur «Schweizer Familie»-Serie «Stille Orte der Schweiz» sind drei grossformatige Bildbände erschienen sowie eine Postkarten-Box. (www.werdverlag.ch)

 
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Zeitreise im Calfeisental

 
2008 wurde das 100-jährige Jubiläum des Calfeisental-Strassenunternehmens gefeiert. Zu diesem Anlass ist ein kleines Buch mit einer Beschreibung der Geschichte und Ausschnitten aus alten Dokumenten und vielen Fotos herausgegeben worden.bike_calfeisen
1346 Erstmals wird die Walsersiedlung im Calfeisental in einem Lehenbrief des Klosters Pfäfers erwähnt.
1652 Die letzten Walser verlassen das Calfeisental.
1745 Erster richterlicher Entscheid, wie die Unterhaltskosten des Fussweges von Vättis bis St. Martin aufgeteilt werden zwischen den Gemeinden Zizers, Vilters, Malans und Ragaz (den Alpbesitzern).
1852 Erste Interessenten-Versammlung der Alpbesitzer. Wahl des ersten Wegmachers, Anian Jäger. Er erhält pauschal CHF 53 pro Jahr (dazumal noch in Gulden).
1898 Die Ortsgemeinde Vättis lädt zu einer Versammlung ein für ein Strassenprojekt Vättis - Calfeisental.
1904 Mit 8 gegen 4 Stimmen und einer Enthaltung wurde beschlossen, die Strasse durch den Bannwald - Luternzug - Höhi - Judenhüttli nach St. Martin zu bauen.
1905 Nach langer Diskussion über die Linienführung wurde entschieden, die Strasse über den Gigerwald zu bauen. Entscheidend waren wahrscheinlich die Staatsbeiträge, da der Gstüd-Wald Staatswald war.
1906 Beginn des Strassenbaues und Fertigstellung bis Gigerwald. Für die Bauzeit wird in Vättis ein Polizist eingesetzt, der für Recht und Ordnung während des Strassenbaus sorgen muss.
1908 Einweihung der Strasse, Kostenvoranschlag CHF 200'000 effektive Kosten CHF 300'000. Malans, Zizers, Ragaz, Pfäfers und Vättis wählen den ersten Wegmacher Josef Flavian Kohler. Taglohn CHF 3.50, Arbeitszeit morgens 6 Uhr bis abends 7 Uhr abzüglich 2 Std. Pausen.
1910 Bereits die ersten grossen Unwetterschäden. Die Brücken Judahüttli, Brennboden und Ammannstobel werden stark beschädigt.
1917 9 Jahre nach Bauabschluss treffen die letzten Schlusszahlungen des Kantons ein. Die Nachsubventionierung wurde falsch eingereicht und vor allem wegen des Krieges ist wenig Geld in den Staatskassen. Sehr grosse Lawinenschäden, vor und hinter dem Gigerwald. Die Fluhlawine (geht jetzt in den Stausee) kommt von der Panära in die Tamina und staut sich mehr als 30 Meter über die Strasse hinauf gegen den Gigerwaldspitz. Die Strasse kann während des ganzen Sommers nur über die Lawine und bis im Spätherbst durch ein Schneetunnel befahren werden. Ebenfalls gab es grosse Lawinen in den Chirchlizüg, Tellerbach, Blaue Rüfe und im vorderen Plattenbach.
1925 Im August rutscht die Strasse bei der Blauen Rüfe erstmals auf einer Länge von ca. 100 m vollständig weg. Erst drei Jahre später, 1928, kann die Strasse wieder befahren werden.
1928 Erste Diskussionen, ob man die Strasse ab Vättis für den Motorverkehr zulassen soll. Nur die Ortsgemeinde Vilters plädiert für ein Ja, allerdings mit einer Fahrpauschale von CHF 15.00 pro Fahrt, damaliges Taggeld des Wegmachers CHF 6.50.
1932 Vor dem Gigerwaldtunnel stürzt eine grosse Stützmauer ein.
1936 Nur 11 Jahre nach der Reparatur rutscht die Blaue Rüfe bereits zum zweiten Mal auf ca. 100 m vollständig weg. Es wird kurzerhand die obere Böschung abgegraben und somit die Strasse einfach etwas höher erstellt. Die SAC Sektionen Pizsol und St. Gallen und vor allem die Jagdgesellschaft Sardona wünschen, die Strasse mindestens bis St. Martin befahren zu können. Die Jagdgesellschaft offeriert jährlich CHF 70.00 bis St. Martin oder CHF 300.00 bis Sardona zu bezahlen.
1944 Sehr grosse Lawinenniedergänge, insbesondere die Tellerbachlawine.
1952 Nach jahrelangen Diskussionen werden am 6. April die ersten Statuten des Calfeisental-Strassenunternehmens vorgelegt und genehmigt. Für den Unterhalt wird ein Kostenverteiler aufgestellt.
1953 Nach grossen Niederschlägen begibt sich der Wegmacher mit einer Gruppe von Arbeitern auf den Weg, um wenigstens die Strasse bis St. Martin wieder begehbar zu machen. Beim Räumen vor der Eisernen Brücke bei der heutigen Galerie wird der 21- jährige Vättner, Sebastian Jäger durch erneuten Steinschlag getötet. Einem weiteren Arbeiter, Eduard Kohler, wird ein Bein abgetrennt.
1959 Erstmals wird in der Interessentenversammlung über den Kraftwerkbau diskutiert.
1961 Grosse Lawinenschäden, vor allem auch an Alpgebäuden. Das Obersäss in der Malanseralp wird bis auf die Grundmauern mitgerissen.
1968 Wiederum grosse Lawinenschäden. Vom Seezberg löst sich eine Lawine von 1100m Breite, teilt sich in vier Arme, Schwamm - Malanserbach - Hochegg - Ammansbach. Ca. 4'000 fm Holz werden mitgerissen wie auch die Wegmacherhütte und die Hocheggsäge. In der Malanseralp wird unter anderem das neue Alpgebäude bereits wieder beschädigt.
1969 Definitiver Entscheid über die Strassenwahl ab der geplanten Staumauer nach St. Martin.
1971 Erste Bemühungen, das Calfeisental ab St. Martin unter Naturschutz zu stellen.
1978 Fertigstellung des Staudammes.
1979 Die heutige Einbahnregelung entlang dem Stausee tritt in Kraft.
1999 Sehr grosse Lawinenschäden und im Frühjahr auch noch Wasserschäden von Vättis bis zum Gamserälpli. Meterhoch waren die Lawinen bei der Eisernen Brücke, Tellerbach, Blaue Rüfe und beim hinteren Plattenbach, welche auch den neuen Schermen zum zweiten Mal beschädigt.
2008 Kleine Feier auf dem Brennboden, 100-jähriges Bestehen der Calfeisentalstrasse. Aktuelle Mitglieder des Strassenunternehmens: Gemeinde Malans, Gemeinde Zizers, Ortsgemeinde Pfäfers, Ortsgemeinde Vilters, Ortsgemeinde Vättis, Ortsgemeinde Bad Ragaz, Alpkorporation Egg, Klinik St. Pirminsberg, SAC Sektion Zindelspitz, Anian Kohler Vättis, Gaudenz F. Bon, Aarau, Finanzdepartement des Kantons St. Gallen.

 
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